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22.01.2013

Klaus Willberg, Verleger der Thienemann Verlag GmbH, zu den Reaktionen auf die sprachliche Modernisierung von „Die kleine Hexe“

Klaus Willberg

Was ich verstehe ist, dass in einer Zeit der Globalisierung, Unsicherheit und Unrast, in einer Zeit, in der Vorgänge wegen ihrer Komplexität nicht mehr verstanden werden können, es vielen wie ein Eingriff in oder gar Angriff auf Bewahrtes und Bewährtes vorkommen muss, wenn in einer Kindheitserinnerung Veränderungen vorgenommen werden. Der Umfang und die Qualität dieser Veränderungen in "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler sind allerdings nicht im Entferntesten für eine Debatte geeignet, wie sie nun seit Beginn des Jahres geführt wird.

Was mich bedrückt ist die Vehemenz, mit der in der Überzahl der in der Regel per E-Mail eingegangenen Pamphlete für die Benutzung von diskriminierenden Begriffen eingetreten wird und welche Ressentiments sich entladen, wenn ein solcher Begriff aus einem Buch genommen wird, das Mittelpunkt des täglichen Vorleserituals mit Kindern ist. Diese Schreiben reichen, um bei harmlosen und unpersönlichen Beispielen zu bleiben, vom Hinweis, es gingen jeden Tag Flüge nach Afrika, bis zur geäußerten Hoffnung auf den Sieg der politisch Unkorrekten über die Gutmenschen.

Was mich erstaunt ist, wie unreflektiert und unsachlich in der Diskussion argumentiert wird. Da wird alles mit allem – auch im deutschen Bundestag – in einen Topf geworfen und umgerührt: die Bibel, Kinderbücher, Gedichte, Bezeichnungen für Gerichte, Kinderreime, etymologische Erläuterungen, die klassischen deutschen Dramen, Süßigkeiten, Operetten, Definitionen, das Grundgesetz. Das gilt leider nicht nur für die schnell getippte E-Mail, sondern für eine Vielzahl der zur Debatte erschienenen Artikel, denen eine intellektuelle Reflexion vorangegangen sein sollte.

Was mich ärgert ist der unhaltbare Vorwurf der Zensur, der auch mir persönlich gegenüber nicht nur in Unmengen von Pamphleten vorgebracht wurde und wird, wobei die Bandbreite von stalinistisch bis faschistisch als Vorstufe zur nächsten Bücherverbrennung reicht. Leider findet sich dieser Vorwurf der Zensur auch in Beiträgen seriöser Publikationen, zu deren Regeln es gehören sollte, sorgfältig und gewissenhaft mit bestimmten Begrifflichkeiten umzugehen. Die behutsame sprachliche Modernisierung in „Die kleine Hexe“ geht auf die von mir ausdrücklich begrüßte Initiative der Familie Preußler zurück, ist mit dieser abgestimmt und von dieser autorisiert. Das hat mit Zensur nichts zu tun.

Was mich besorgt ist nicht so sehr die in vielen Pamphleten geäußerte Hoffnung, dass das Verlagshaus wirtschaftlich zugrunde gehen möge. Durchaus besorgt mich jedoch der Aufruf in diesen Unmengen von Pamphleten, das gesamte Programm des Verlagshauses zu boykottieren, weil unsere Büchern zensiert würden. Der unhaltbare Vorwurf der Zensur stellt also unsere sorgfältige und gewissenhafte inhaltliche Arbeit mit Autoren unter einen Generalverdacht, der tatsächlich wirtschaftliche Auswirkungen haben kann, wie Reaktionen von Kunden in Buchhandlungen zeigen.

Was mich wundert ist, welche Bedeutung in den Medien angesichts dessen, was in Deutschland, in Europa und der Welt in den ersten Wochen des neuen Jahres passiert ist, einer behutsamen sprachlichen Veränderung in einem Kinderbuch beigemessen wird. Das mag daran liegen, dass es ein Kinderbuchklassiker ist und diejenigen, die professionell Artikel verfassen, nicht anders empfinden als diejenigen, die spontan E-Mails schreiben. Das entbindet jedoch nicht von der Verantwortung, die mit professioneller journalistischer Arbeit verbunden sein muss, nämlich Fakten zu recherchieren, anstatt sich auf Mutmaßungen zu stützen.

Was mich freut sind Zustimmung und Verständnis, Maßhalten und Reflexion, gerne auch der niveauvolle Disput.