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18.01.2013

Sprachliche Modernisierung von Klassikern

Coverabbildung

Der Thienemann Verlag hat am 9. Januar 2013 eine Stellungnahme, „Erklärung zur Modernisierung von 'Die kleine Hexe'“ abgegeben. Im Verlauf der Diskussion sind bis heute darüber hinaus Missverständnisse entstanden und Fragen gestellt worden, auf die wir im Folgenden eingehen möchten.

Worum geht es?

Es geht um eine von der Familie Preußler vorgeschlagene behutsame sprachliche Modernisierung der Kinderbuchklassiker, bei der Begriffe, die heute nicht mehr verständlich sind, ersetzt werden. Dies gilt gleichermaßen für Begriffe, die zur Entstehungszeit der Werke noch nicht diskriminierend waren, es aber heute sind.

Dabei handelt es sich nicht um das erste Mal, dass sprachliche Veränderungen vorgenommen werden. In der Ausgabe von „Die kleine Hexe“ zum 40. Erscheinungsjubiläum heißt es beispielsweise Seite 83 „Ich wichse euch mit dem Besen durch ..“ In der lieferbaren Ausgabe heißt es bereits: „Ich verhaue euch mit dem Besen ...“.

Warum wird das gemacht?

Es ist Aufgabe eines Kinderbuchverlages, in dem weltberühmte Klassiker verlegt sind, diese Klassiker so an die Zeitläufe und damit auch sprachliche Veränderungen anzupassen, dass sie für weitere Generationen von Kindern Klassiker bleiben können. Dazu gehört auch, dass Begriffe, die zur Entstehungszeit der Klassiker nicht diskriminierend waren, es in der heutigen Zeit aber eindeutig sind, gestrichen oder ersetzt werden.
Die Position des Verlags ist es, dass diskriminierende Begriffe nicht in Kinderbücher gehören, weil Kinder im Vorlesealter noch nicht differenzieren und diskriminierende Begriffe ungefiltert in ihren Sprachgebrauch einfließen können.

Um was für Begriffe und um wie viele Begriffe handelt es sich?

Wir unterscheiden zwischen diskriminierenden und veralteten, also nicht mehr verständlichen Begriffen. Das gravierendste Beispiel für einen diskriminierenden Begriff ist „Neger“. Diskriminierende Begriffe gibt es nur in „Die kleine Hexe“, und zwar in den Kapiteln „Wollen wir wetten?“ und „Fastnacht im Wald“.

Textstellen mit Begriffen, die Kinder in der heutigen Zeit nicht mehr verstehen, weil sie nicht mehr zum Sprachgebrauch gehören, sollen auf behutsame Weise sprachlich modernisiert werden. Beispiele sind „verbläuen“, sich „dazuhalten“ (beides „Die kleine Hexe“), Wäsche „schweifen“, „ausbrühen“ (beides „Der kleine Wassermann“).

Es liegt eine Vorschlagsliste der Familie Preußler mit 30 Textstellen insgesamt für die drei Klassiker „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ vor, über die zunächst im Verlag beraten wird. Anschließend wird das Ergebnis dieser Beratungen mit der Familie Preußler besprochen.

Welche Bücher sind betroffen?

Die behutsame sprachliche Modernisierung, die aus Anlass der vierfarbig kolorierten Ausgabe (mit Erscheinen im Juli 2013) vorgenommen wird, betrifft „Die kleine Hexe“.

Ob und ggf. zu welchen Teilen die seitens der Familie Preußler vorgeschlagene Liste zu veralteten Begriffen in den Büchern „Der kleine Wassermann“ und „Das kleine Gespenst“ zum Tragen kommt, wird derzeit geprüft und beraten.

Werden einzelne Begriffe ausgetauscht oder ganze Textpassagen umgeschrieben?

In der Faschingsszene in „Die kleine Hexe“ ist es unumgänglich, mit dem Austausch von Begriffen auch Sätze zu verändern, weil Inhalte sonst sinnlos wären. Auch diese Änderungen folgen Vorschlägen der Familie Preußler und fügen sich in den Duktus der Kapitel ein. Ansonsten handelt es sich tatsächlich um den bloßen sinnvollen Austausch oder das Weglassen von Begriffen. Es werden also in keinem Fall ganze Textpassagen umgeschrieben.

Erkennt man danach das Buch noch wieder?

Es sind nicht diskriminierende oder nicht mehr verständliche Begriffe, die die Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler ausmachen, sondern die Figuren, die Geschichten, der Erzählrhythmus, die Erzählweise, die Spannungsbögen, die Länge der Kapitel und nicht zuletzt die kongenialen Illustrationen von F.J. Tripp und Winnie Gebhardt und seit und in ein paar Monaten auch die ebenfalls kongeniale Kolorierung von Mathias Weber. Otfried Preußler zählt zu den renommiertesten Autoren der Kinder- und Jugendliteratur überhaupt. Daran ändert sich auch nach einer behutsamen sprachlichen Modernisierung nichts. Die Botschaft und Substanz seiner Werke werden davon nicht berührt.

Wo liegt die Grenze – wo fangen Änderungen an, wo hören sie auf?

Die Grenze einer sprachlichen Modernisierung, auch einer behutsamen, wäre dann überschritten, wenn der Urheber sich mit seinem Text nicht mehr identifizieren könnte. Diese Grenze wird nicht überschritten, da die sprachliche Modernisierung vom Urheber so gewollt ist und von ihm kommt.

Unabhängig davon muss man jeden Einzelfall ganz genau betrachten: In „Jim Knopf“ würden Änderungen schwierig werden, weil „ein kleiner Neger“ Teil der wörtlichen Rede von Herrn Ärmel, dem altklugen Inselbewohner, ist. Hier wird das Wort dem Protagonisten in den Mund gelegt. Würde man den Begriff ersetzen oder den Satz entfernen, wäre die Ironie in der Szene verloren.

Ist sprachliche Modernisierung Zensur?

Zensur „ist ein restriktives Verfahren in der Regel von staatlichen Stellen, um durch Massenmedien oder im persönlichen Informationsverkehr (etwa per Briefpost) vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte beziehungsweise Gesetzen zuwiderlaufende Inhalte zu unterdrücken und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Inhalte veröffentlicht oder ausgetauscht werden“(Wikipedia). Da die behutsame sprachliche Modernisierung der Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler vom Urheber sowohl initiiert als auch autorisiert ist, kann von Zensur keine Rede sein.

Sollte man Texte, die vor einigen Jahrzehnten entstanden sind, nicht in ihrem historischen Kontext belassen und damit ihre Ursprünglichkeit bewahren – zum Beispiel durch eine kommentierte Ausgabe?

Die Kinderbücher werden bereits Kindern ab 3 Jahren vorgelesen – viele Eltern wollen jedoch nicht in der Vorlesesituation gestört werden und problematische Begriffe erklären und diskutieren müssen.

Kindern ab 6 Jahren werden die Bücher zum Selberlesen gegeben. Kinder in diesem Alter nehmen solche Begriffe aber noch unreflektiert in ihren Wortschatz auf und können erklärende Fußnoten alleine nicht deuten. Älteren Kindern kann man dies aber durchaus zumuten, weswegen wir für „Krabat“ keine Änderungen planen.

Warum hält der Verlag nicht die lieferbare Ausgabe und eine modernisierte Ausgabe gleichzeitig lieferbar?

Ob eine historisch-kritische Ausgabe auch im Sinne der Literaturwissenschaft sinnvoll wäre, ist im Verlag durchaus Gesprächsanlass.

Gibt es andere Beispiele für Änderungen in Kinderbüchern?

Der Oetinger Verlag hat 2009 in „Pippi Langstrumpf“ den „Negerkönig“ durch einen "Südseekönig" ersetzt. Auch „Zigeuner“ kommt nicht mehr vor. Der Esslinger Verlag ersetzte in „Lurchi“ das „Negerlein“ durch ein „Schornsteinfegerlein“. In Enid Blytons Werken ging cbj die „Schwarze Pädagogik“ an.

Welche Reaktionen gab es bis jetzt?

Neben zahlreichen kritischen aber auch unsachlichen Zuschriften erreichen den Thienemann Verlag auch viele zustimmende Zuschriften, die eine Modernisierung gutheißen. Insgesamt wird die Diskussion inzwischen differenzierter und sachlicher geführt.

Im Feuilleton wurde das Thema ebenfalls kontrovers diskutiert:

  • „Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen. Seit mehr als fünfzig Jahren steht das Wort 'Negerlein' in Otfried Preußlers Klassiker 'Die kleine Hexe'. Der Verlag will das jetzt ändern. Zu Recht?“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2013, Autor: Tilman Spreckelsen)
  • „'Negerlein' sagt man nicht! Der Thienemann Verlag will das umstrittene Wort aus Otfried Preußlers 'Kleiner Hexe' streichen. Verbrechen oder Rettung? Ein Pro und Contra.“ (WELT Kompakt, 11.01.2013, Autoren: Wieland Freund, Jacques Schuster)
  • „Es ging spazieren vor dem Tor. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan: Die Moralisten unter den Lesern wollen zum Beispiel den 'Neger' aus Kinderbüchern entfernen, die Historiker ihn behalten. Wer aber hat recht?“ (Süddeutsche Zeitung, 15.01.2013, Autor: Burkhard Müller)
  • „Werte und Worte. In der aktuellen Debatte über das korrekte Kinderbuch geht es um Güterabwägung: Zensur – oder Rassismus. Entscheidend sollte sein, was die Autoren selbst beim Schreiben beabsichtigen“ (die tageszeitung, 15.01.2013, Autor: Jakob Hein)
  • „Die kleine Hexenjagd. Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Das ist gut gemeint, aber ein Vergehen an der Literatur“ (DIE ZEIT, 17.01.2013, Autor: Ulrich Greiner)
  • „Neger, Türken und Hexen. Sollen Kinderbuchklassiker von anstössigen Formulierungen gesäubert werden?“ (NZZ, 18.01.2013, Autorin: Sieglinde Geisel)